Vortragsprogramm Frühjahr/Sommer 2026
Vortrag | Donnerstag, 21. Mai | 18.30 Uhr | Düsternbrooker Weg 2, Kegelbahn
Gespräche mit Sokrates: Aufklärung und Antike am Hof Luise Dorotheas von Sachsen-Gotha-Altenburg (1732-1767)
Die thüringische Residenzstadt Gotha und der Hof zur Zeit von Friedrich III. und Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg gelten oft als Modell einer modernen, an französischen Vorbildern orientierten Herrschaft im 18. Jahrhundert. Der Vortrag zeigt, dass neben Paris als kulturellem Zentrum auch die Antike einen wichtigen Bezugspunkt bildete, insbesondere mit Blick auf die Transformation der antiken Dialoggattung im Kontext der Prinzenerziehung. Herzogin Luise Dorothea ließ ihren Sohn ab 1744 für einige Jahre in Genf aufwachsen, wo der Literaturprofessor Jacob Vernet die moralischen Dialogues socratiques für den Erbprinzen verfasste und im Unterricht verwendete.
Dieses zunächst scheinbar rein didaktische Werk fungierte jedoch auf einer zweiten Ebene auch in der Soziabilität des höfischen community fashioning, bei dem sich einzelne Mitglieder der Hofgesellschaft in den Figuren mit ihren besonderen Charakterportraits wiederfinden konnten. Eine ähnliche Form der Altertumsrezeption zeigen die römischen Medaillen, die ebenfalls für den Geschichtsunterricht des Prinzen angefertigt wurden und die spezifisch höfische Aneignung der Antike zwischen Bildungsbewusstsein, Sammlungspraxis und frühneuzeitlichem Luxus verdeutlichen. Mit der herausgehobenen Figur der Herzogin verfolgt der Vortrag zugleich einen genderbewussten Blick auf die Antikerezeption der aufgeklärten Hofkultur des 18. Jahrhunderts.
Vortrag | Donnerstag, 28. Mai | 18.30 Uhr | Düsternbrooker Weg 2, Kegelbahn
Prof. Dr. Dietrich Boschung (Universität Köln)
Antike Skulpturen in den Residenzen Europas. Inszenierung und Funktion
Der Vortrag bespricht mit ausgewählten Beispielen die Inszenierung antiker Skulpturen in monarchischen Residenzen seit der Renaissance. Hatte Isabella d’Este ihre Antiken in Mantua im Rahmen ihres Studiolos aufgestellt, so wurden die Statuen, Büsten und Reliefs später in die Repräsentationsräume des Palastes integriert. Nördlich der Alpen richteten die Herzöge von Bayern im späteren 16. Jahrhundert in der Münchner Residenz einen prachtvollen Ausstellungsbau für ihre antiken Skulpturen ein. Seit dem Ankauf der Sammlung Gonzaga durch Karl I. von England wurden Antikensammlungen Teil der königlichen Repräsentation. In den wechselnden Konzepten der Aufstellung zeigen sich jeweils spezifische Einschätzungen der Bedeutung antiker Bildwerke.
Vortrag | Donnerstag, 11. Juni | 18.30 Uhr | Düsternbrooker Weg 2, Kegelbahn
Dr. Sophie Borges (Eutin)
Im Spiegel die Antike? Weibliche Politik und Mode in der Gemäldesammlung Schloss Eutins
Lorbeerkränze, drapierte Mäntel und prominente, antikisierende Säulen. Antikenbezüge sorgten über Jahrhunderte für Legitimation im Herrscher*innenporträt. Dieses inhärent konservative ikonographische System erfuhr im 18. Jahrhundert eine erhebliche Dynamisierung. Archäologische Funde erweiterten und differenzierten damals das System einsetzbarer Zeichen. Ab 1789 bedienten sich revolutionäre und postrevolutionäre französische Regierungen auf der Suche nach einer neuen politischen Bildsprache intensiv an antiken Formen und prägten damit die höfisch-klassizistische Inszenierung in ganz Europa. Dabei waren es insbesondere die Frauen – Kaiserinnen, Königinnen, Zarinnen – die sich in Göttinnen- und Heldinnen der Antike zu verwandeln schienen: sei es im Rahmen höfischer Inszenierung oder im Staatsporträt. Welche Strategien lagen diesem Phänomen zugrunde? Wie wurden politische Inhalte und Antikenbezüge verknüpft? Handelte es sich um eine Bewegung weiblicher Selbstermächtigung? Und wie viel Antike steckt wirklich im höfischen Klassizismus?
Gerahmt von zwei Porträtgemälden der Zarin Maria Fjodorowna von Russland in der Porträtsammlung Schloss Eutins betrachtet der Vortrag beispielhafte Bildnisse aus Italien, Frankreich, England und Deutschland zwischen 1780 und 1820.
Lesung | Donnerstag, 18. Juni | 18.00 Uhr | Schloss Eutin
Dr. Sophie Borges (Eutin)
Dr. Benjamin Engels (Kiel)
Schönheit und Täuschung. Lesung und Gespräch zur Skulptur der Klytia mit der Rezitatorin Barbara Greese
Wer ist diese Frau, die sich mit verführerisch verrutschtem Gewand aus einem Blütenkelch erhebt? Schon im 18. Jahrhundert wurde diese Büste als Darstellung der Klytia identifiziert: einer verschmähten Geliebten des Apoll, die sich aus Sehnsucht in eine Blume verwandelte, deren Blüte fortwährend der Sonne folgte. So reizvoll war diese Umsetzung eines Motivs aus Ovids „Metamorphosen”, dass das Objekt bald zu einer Ikone des Klassizismus wurde – enthusiastisch gefeiert etwa von Johann Wolfgang von Goethe.
In der Lesung von Barbara Greese begegnen sich Texte von Ovid und Goethe mit Stimmen aus zwei Jahrhunderten archäologischer Forschung. Im Gespräch schlagen die Kurator:innen – eine Kunsthistorikerin und ein Klassischer Archäologe – ohne Angst vor falschen Fährten unterschiedliche Wege der Interpretation ein. Wie zuverlässig sind literarische Zuschreibungen für die Identifizierung antiker Skulpturen? Wann wird ein antikes Objekt zur Projektionsfläche späterer Epochen? Und könnte Klytia am Ende weniger ein überliefertes Original als vielmehr eine kunstvolle Erfindung sein?
Vortrag | Dienstag, 7. Juli | 18.30 Uhr | Düsternbrooker Weg 2, Kegelbahn
Dr. Ana Šverko (Split)
Diocletian's Palace: House, City, Quarter — An Imperial Residence and Its Urban Transformations
Diocletian's Palace in Split, built at the turn of the third and fourth centuries as an imperial residence, became the nucleus of the medieval city of Split and has remained at the heart of urban life ever since. This lecture traces the Palace's long history of reuse and reinterpretation: from its medieval transformation, through Renaissance and Baroque interventions, to the changes of the nineteenth and twentieth centuries. Today, the Palace district forms a part of the historic core of Split and has become an icon of global heritage tourism. By following its successive layers of transformation, the lecture explores how this imperial residence evolved into a city quarter. In doing so, it reflects both on the challenges of contemporary life in a world heritage site and on the universal relationship between house and city.
Vortrag | Donnerstag, 16. Juli | 18.30 Uhr | Düsternbrooker Weg 2, Kegelbahn
Prof. Dr. Filippo Carlà-Uhink (Potsdam)
Zeus und die Achterbahn. Darstellungen des klassischen Griechenlands in Themenparks
Themenparks sind eine besondere Unterkategorie von Themenwelten: sie sind „abgeschlossene, großflächig angelegte, künstlich geschaffene, stationäre Ansammlung[en] verschiedenster Attraktionen, Unterhaltungs- und Spielangebote“ (Kagelmann), in denen die gesamte Anlage oder einzige Bereiche davon eine historische, exotische oder phantasievolle Welt immersiv rekonstruieren. Als immersive Welten, die von der Außenwelt getrennt wird und einen überwachten Eintritt haben, der nur durch die Bezahlung der (häufig nicht günstigen) Eintrittskosten markiert wird, haben Themenparks einige Ähnlichkeiten mit Residenzen – und einige Residenzen werden in der Tat als Vorformen der modernen Themenwelten angesehen (z.B. der Hameau de la Reine beim Petit Trianon in Versailles).
Architektur, dekorative Elemente, Bepflanzung, Musik, aber auch Gerüche werden eingesetzt, so dass der Besucher durch alle Sinne in die dargestellte Welt hineingeworfen wird, und eine starke Trennung von der äußeren Welt und vom Alltag erlebt. Wenn die Welt, die so erreicht wird, die Rekonstruktion einer historischen Kultur darstellt, kann man deshalb sogar von einer „Zeitreise“ reden (Holtorf). Die klassische Antike wird weltweit als Thema für Themenparks und Themenparksbereiche verwendet. Es ist das Ziel dieses Vortrags, exemplarisch einige Darstellung des klassischen Griechenlands in Themenparks in Europa, Amerika und Asien zu analysieren, um die Formen der Darstellung der klassischen Antike in diesen kulturellen Kontexten zu verdeutlichen, und insbesondere um die Rolle Griechenlands in unterschiedlichen geschichtskulturellen Gefügen hervorzuheben.
Christian-Albrechts-Platz 3, Hörsaal 3
24118 Kiel



